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In "Der Chinese" führt Friedrich Glauser seinen Wachtmeister Studer in ein scheinbar überschaubares Schweizer Milieu, in dem ein Mordfall die verborgenen Verwerfungen von Dorf, Amt und Familie freilegt. Der Kriminalroman verbindet präzise Indizienführung mit psychologischer Beobachtung, trockenem Humor und einer Sprache, die Dialektfärbung, Lakonie und poetische Dichte kunstvoll mischt. Im Kontext der europäischen Zwischenkriegs-Kriminalliteratur steht Glauser weniger für sensationelle Spannung als für soziale Diagnose. Friedrich Glauser, 1896 in Wien geboren und in der Schweiz aufgewachsen, kannte Randständigkeit, Institutionen und existentielle Unsicherheit aus eigener Erfahrung. Aufenthalte in Erziehungsanstalten und psychiatrischen Kliniken, Morphiumsucht, Fremdenlegion, Gelegenheitsarbeiten und literarische Bohème prägten seinen Blick auf Menschen, die von bürgerlichen Ordnungen beurteilt oder ausgeschlossen werden. Gerade daraus erwächst Studers eigentümliche Menschlichkeit: Er ermittelt nicht nur gegen Täter, sondern gegen Vorurteile. Empfohlen sei "Der Chinese" Lesern, die im Kriminalroman mehr suchen als Rätselmechanik. Das Buch bietet atmosphärische Spannung, moralische Vieldeutigkeit und eine frühe, unverwechselbar schweizerische Form des literarischen Noir. Wer Simenon, Dürrenmatt oder psychologisch genaue Gesellschaftsprosa schätzt, wird in Glausers Roman einen stillen Klassiker entdecken.