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Alle sehen es. Keiner sagt es. Bis einer zu klein ist, um zu wissen, dass man das nicht sagt. Zwei Fremde kommen in die Stadt und behaupten, sie könnten einen Stoff weben, den nur sieht, wer für sein Amt taugt. Der alte Minister geht hin, sieht nichts und nennt es entzückend. Der zweite Beamte auch. Dann setzt sich der Zug in Bewegung, unter dem Baldachin, und die Kammerherren tragen eine Schleppe, die nicht da ist, und die ganze Stadt findet es prächtig - weil sonst herauskäme, dass man dumm ist. Eine Prinzessin verwirft eine Rose, die nur alle fünf Jahre blüht, weil sie zu natürlich ist, und zahlt für einen klingelnden Topf hundert Küsse hinter den Röcken ihrer Hofdamen. Ein Kaiser in China lässt den echten Vogel wegfliegen, weil der goldene immer dasselbe singt und man ihn deshalb besser erklären kann. Dann fangen die Dinge an zu reden. Ein Halskragen erzählt von Verlobungen, die es nie gab, bis er in der Lumpenmühle landet und zu dem Papier wird, auf dem seine Geschichte steht. Eine Henne verliert eine Feder, und fünf Höfe weiter sind daraus fünf Hennen geworden, die sich aus unglücklicher Liebe zu Tode gerupft haben. Im Entenhof ist die Portugiesin die Vornehmste, das weiß jeder, weil sie es sagt. Sie nimmt einen verletzten Singvogel unter ihren Schutz, fragt der Ordnung halber, ob er singen könne, und erklärt hinterher, sie habe ein zu weiches Herz für solche Dinge. Und ein Hausierer mit einer Weidenflöte bläst einmal hinein, worauf die Herrschaften durch die Luft fliegen und sich neu sortieren. Andersen ist nicht der milde Märchenonkel, für den man ihn hält. Er hat sein Leben lang in Salons gesessen, in denen man ihn geduldet hat, und sich alles gemerkt: wer wen unterbricht, wer wem zuerst die Hand gibt, wie lange man wartet, bevor man widerspricht. Zwölf Geschichten über Dünkel, Rang und Selbstbetrug. Enthalten sind: Des Kaisers neue Kleider · Der Schweinehirt · Die Nachtigall · Die Prinzessin auf der Erbse · Die Stopfnadel · Der Halskragen · Es ist ganz gewiß · Der Mistkäfer · Im Entenhof · Der Gärtner und die Herrschaft · Alles auf seinen Platz! · Tölpel-Hans Ungekürzt im Originalwortlaut.
Hans Christian Andersen, Sohn eines armen Schuhmachers aus Odense, wollte eigentlich Schauspieler oder Sänger werden - und wurde stattdessen zum meistübersetzten dänischen Autor der Geschichte. Hinter der kindlichen Fassade seiner Märchen stecken Einsamkeit und unerfüllte Sehnsucht, direkt aus seinem eigenen Leben als ruheloser Außenseiter zwischen den Gesellschaftsschichten. Er reiste rastlos durch Europa, verliebte sich mehrfach unglücklich und starb 1875 als gefeierter Weltstar, der bis zuletzt an sich zweifelte.