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Dichtung ist der Antipode der Wissenschaften. Wissenschaftler überprüfen Fakten und ziehen falsche Aussagen aus dem Verkehr. Dichter setzen dem das Prinzip der "diskursiven Lockerung" entgegen. Was Dichtung sagt, muss nicht sachlich richtig sein, aber es muss ansprechend, reizvoll, elegant, verführerisch, wohlklingend, kurzum: gut gesagt beziehungsweise gut geschrieben sein. Dichter machen sich durch guten Sound Mut, sachlich Zumutungsreiches zu formulieren und geben dadurch viel zu denken. Wissenschaftlern hingegen widerstrebt das spekulativ Schwärmerische. Als Vermittlerin zwischen allzu gestrenger Wissenschaft und enthemmter Dichtung bleibt nur die Philosophie. Jochen Hörisch beschreibt fruchtbare Begegnungen und dauerhafte Affären zwischen Literatur und Philosophie, zwischen Dichten und Denken. So lässt er Sophokles auf Platon treffen, Friedrich Schiller auf Immanuel Kant, Gottfried Keller auf Ludwig Feuerbach, Rainer Maria Rilke auf Edmund Husserl, Bertolt Brecht auf Walter Benjamin und Robert Gernhardt auf Theodor W. Adorno.
Jochen Hörisch studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte. Er war von 1982 bis 1988 Privatdozent und Professor an der Universität Düsseldorf und von 1988 bis 2018 Professor für Neuere deutsche Literatur und qualitative Medienanalyse an der Universität Mannheim.