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Was bedeutet es, an der Schwelle zwischen Leben und Tod zu stehen - und was kann uns jemand berichten, der dort verweilt? Natalya Gribova wagt mit "Im Augenblick des Übergangs" ein außergewöhnliches literarisches Experiment: Acht Gespräche an der Schwelle, dokumentiert von dem Mesmeristen und Forscher Erasmus Feld, der seit vierzehn Jahren Sterbende in ihren letzten Stunden begleitet und befragt.
Im Mittelpunkt steht eine zutiefst menschliche Spannung: der Wunsch, das Ungreifbare festzuhalten, und die schmerzhafte Erkenntnis, dass jedes Protokoll, jede Aufzeichnung nur ein Abdruck ist - nie das Erleben selbst. Wie Wachs die Form einer Hand bewahrt, ohne ihre Wärme zu kennen, so ringt Erasmus Feld mit der Unzulänglichkeit der Sprache angesichts des Unfassbaren.
Gribova entfaltet ihre Geschichte mit großer atmosphärischer Dichte. Kerzenlicht, der Geruch langer Krankheit, knarrende Treppen und die stille Präsenz der Hinterbliebenen - all das schafft einen Raum, der den Leser unmittelbar in die Intimität der geschilderten Momente hineinzieht. Besonders eindringlich gelingt ihr die Figur der Wachsmacherin Wilhelmine Kast und ihrer Tochter Lotte, deren komplexes Verhältnis zu dem seltsamen Besucher die ethischen Fragen des Buches auf ergreifende Weise verkörpert.
Dieses Buch ist keine leichte Lektüre - aber eine, die nachwirkt. Wer sich auf Erasmus Felds Aufzeichnungen einlässt, wird mit einem Werk belohnt, das über das Sterben hinaus von Erinnerung, Würde und der menschlichen Sehnsucht nach Bedeutung erzählt.
Natalya Gribova ist eine Schriftstellerin, die sich intensiv mit Grenzphänomenen und existenziellen Übergangsmomenten auseinandersetzt. Ihre literarische Arbeit verbindet philosophische Tiefgang mit dokumentarischen Elementen und erforscht die Schwelle zwischen Leben und Tod durch subtile, präzise Beobachtung. Sie arbeitet an der Schnittstelle von Essay und Erzählung und hat sich dem Schreiben als Mittel zur Erfassung des Flüchtigen und Unsagbaren verschrieben. Ihre Werke zeichnen sich durch eine meditative Sprache und eine ungewöhnliche Nähe zu den großen Fragen des Menschseins aus. Gribova lebt zurückgezogen und widmet sich ihrer Schriftstellerei mit großer Hingabe.